Die Bundesregierung beschwört in Berlin die „Digitale Souveränität“. Doch eine Reise durch Deutschland im Jahr 2025 zeigt eine andere Realität: In Kliniken, an Universitäts-Lehrstühlen und an der Supermarktkasse hat die Kapitulation vor den US-Tech-Giganten längst stattgefunden. Wir tauschen Freiheit gegen Bequemlichkeit.
Der hohe Preis der Bequemlichkeit
Wer verstehen will, wie es um die technologische Unabhängigkeit Europas wirklich steht, darf nicht auf die Sonntagsreden im neuen Digitalministerium hören. Er muss dorthin gehen, wo die
„Daseinsvorsorge“ konkret wird: in den Schockraum eines Universitätsklinikums, in den Hörsaal einer Exzellenz-Uni und an die Kasse des Discounters um die Ecke.
Im Winter 2025 bietet sich dem Beobachter ein paradoxes Bild. Nie wurde der Begriff der „Souveränität“ politisch heißer gehandelt, und nie wurde er in der Praxis kühler abgewickelt. Die Entscheidungsträger vor Ort – der Klinikchef, der Universitätspräsident, der Sparkassenvorstand – haben sich entschieden. Meistens für die Funktionalität und gegen die Prinzipienfestigkeit. Drei Protokolle einer schleichenden Übernahme.
Beispiel 1: Der neue Co-Pilot im Hörsaal
Ort:
Technische Universität München (TUM)
Hintergrund:
An einer der renommiertesten Universitäten Europas schreibt im Wintersemester 2025 kaum ein Student seine Seminararbeit oder seinen Code mehr ohne Microsofts „Copilot“. Die TUM hatte die Weichen dafür früh gestellt und Microsoft 365
samt KI-Integration für Studierende und Forschende freigegeben.
Der Souveränitäts-Verlust:
Es droht ein Verlust der „kognitiven Souveränität“. Die intellektuelle Vorarbeit, die Strukturierung von Problemen und riesige Mengen an nicht-öffentlichen Forschungsdaten fließen durch die
neuronalen Netze eines US-Konzerns. Die Universität weiß nicht, wie die KI zu ihren Schlüssen kommt (Black Box). Etwas zugespitzt formuliert: Die nächste Generation deutscher Ingenieure lernt
nicht, Probleme selbst zu lösen, sondern sie lernt, wie man Microsoft-Produkte bedient (Vendor Lock-in). Das Wissen, wie man KI baut, weicht dem Wissen, wie man KI mietet.
Die souveräne Alternative: Ein „Sovereign Science Stack“. Universitäten betreiben auf eigener Hardware (High-Performance Computing Zentren wie das LRZ) Open-Source-Modelle. Die Basis könnten Modelle wie Luminous (Aleph Alpha) oder Mistral sein, die für den akademischen Kontext feinjustiert werden.
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Der Preis der Freiheit: Die „User Experience“ wäre ruppiger, die Integration in Word nicht vorhanden. Die Kosten für Rechenleistung müssten die Länder tragen, statt sie über Lizenzgebühren abzuwälzen.
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Der Gewinn: Deutsche Forschungsergebnisse und Denkprozesse blieben in einem geschützten Raum. Die KI wäre transparent und nachvollziehbar – eine Grundvoraussetzung für Wissenschaft.
Beispiel 2: Der Patient in Trumps Wolke
Der Ort:
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH)
Hintergrund:
Wer hier - oder an vielen anderen deutschen Kliniken – 2025 als Patient liegt, profitiert von High-Tech-Medizin. Die Daten dazu – Genomsequenzen, hochauflösende MRT-Bilder – liegen in der Cloud.
Offiziell heißt das Produkt „T-Systems Sovereign Cloud“.
Der Souveränitäts-Verlust:
Der Name „Telekom“ auf der Hülle ist ein Etikettenschwindel. Technisch läuft die Infrastruktur auf der
Technologie von Google Cloud. Die Schlüsselgewalt mag vertraglich bei T-Systems liegen, doch die technologische DNA ist amerikanisch. Sollte es zu einem transatlantischen Handelskrieg kommen oder
der „US Cloud Act“ verschärft werden, sind die sensibelsten Daten deutscher Bürger theoretisch dem Zugriff fremder Behörden ausgesetzt. Zudem fließt das tiefere Wissen über den Betrieb solcher
Infrastrukturen aus Europa ab. Wir werden zu Mietern unserer eigenen Krankenakte.
Die souveräne Alternative: Eine föderierte „Health Cloud Europe“. Ein Zusammenschluss europäischer Provider (z.B. StackIT/Schwarz Gruppe,
Ionos) baut eine Infrastruktur auf Basis von Open Source ).
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Der Preis der Freiheit: Der Aufbau eigener Rechenzentren kostet Milliarden und dauert Jahre. Wir wären technologisch im Jahr 2025 vermutlich auf dem Stand, den Google vor einigen Jahren hatte.
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Der Gewinn: Absolute Resilienz. Gesundheitsdaten sind Kritische Infrastruktur – sie gehören nicht auf die Server einer anderen Nation – egal wie freundlich sie gerade ist.
Beispiel 3: Der Tribut an der Kasse
Der Ort:
Jeder Supermarkt in der Republik.
Der Hintergrund:
Karte oder Bar?“ fragt die Kassiererin kaum noch. Die Kunden halten ihr Smartphone an das Terminal. Ein leises „Ping“, erledigt. In 90 Prozent der Fälle leuchtet auf dem Display „Apple Pay“ oder „Google Wallet“ auf.
Der Souveränitäts-Verlust:
Die deutschen Banken und Sparkassen sind zu reinen Zulieferern degradiert worden. Die Kundenschnittstelle gehört Apple. Bei jeder Transaktion fließt eine Gebühr in die USA (der sogenannte
„Apple-Tax“). Wertschöpfung, die dem europäischen Bankensystem entzogen wird. Zudem kennt Apple das Kaufverhalten der Deutschen besser als jedes Statistikamt.
Die souveräne Alternative: Die konsequente Nutzung von Wero (European Payments Initiative). Ein europäisches System, das direkt vom Konto abbucht, ohne den Umweg über US-Kreditkartennetzwerke oder Wallets.
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Der Preis der Freiheit: Ein Verlust an Komfort. Der Kunde muss eine neue App installieren, vielleicht einen QR-Code scannen, statt einfach den Daumen auf das iPhone zu legen.
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Der Gewinn: Die Hoheit über den Zahlungsverkehr – den Blutkreislauf der Wirtschaft – bliebe in Europa. Wir wären nicht erpressbar, wenn ein US-Konzern plötzlich die Konditionen ändert.
Souveränität gibt es nicht zum Nulltarif
Die Bilanz im Herbst 2025 ist ernüchternd.Viel zu häufig haben wir uns für den vermeintlich bequemen Weg entschieden. Die „Digitale Souveränität“, die Minister Karsten Wildberger so gerne im Mund führt, ist zu einer hohlen
Phrase verkommen.
Wir leben in einer digitalen Kolonie. Sie ist komfortabel, sie ist effizient, und sie funktioniert meistens hervorragend. Aber sie gehört uns nicht. Wer das ändern will, muss den Bürgern die
unbequeme Wahrheit sagen: Echte Unabhängigkeit kostet Geld, Zeit und vor allem den Verzicht auf die perfekte Bequemlichkeit des Silicon Valley.
Solange wir dazu nicht bereit sind, sollten wir das Wort Souveränität aus den Parteiprogrammen streichen.
Über den Autor:
Sebastian Büttner ist Co-Gründer von Quantum Beyond, einem europäischen Beschleunigungs- und Finanzierungsprogramm für die Digitalisierung von Unternehmen. Der Fokus liegt auf AI-driven Organization Design, datengetriebenen Strategien und der intelligenten Mensch-Maschine-Kollaboration, um Unternehmen zukunftsfähig und wettbewerbsstark für das KI-Zeitalter aufzustellen.
