Als wir vor genau einem Jahr auf diesem Blog die
Zukunft der elektronischen Patientenakte (ePA) skizzierten, wagten wir eine Prognose, die uns in der Fachwelt – namentlich in der IT-Entwicklerszene hinter dem Großprojekt – heftigen
Gegenwind einbrachte. Wir sprachen von einer „Digitalisierung ohne Digitalisierung“. Die Reaktionen auf LinkedIn waren teilweise grenzwertig; man sprach uns die Kompetenz ab, die „unfassbare
Komplexität“ eines Systems zu begreifen, dessen technische Spezifikationen wir angeblich unterschätzten. Heute, im März 2026, blicken wir zurück. Nicht mit Triumphgefühl, sondern mit der
Nüchternheit einer notwendigen Bestandsaufnahme. Der bundesweite Rollout, der nach der Pilotphase am 29. April 2025 begann und seit Oktober 2025 für Leistungserbringer verpflichtend ist, bietet
nun genügend Datenmaterial für ein ehrliches Resümee.
Potemkinsche Dörfer in der Cloud: Der Mythos der 90 Prozent
Die Erfolgsmeldungen, die das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) im Verlauf des letzten Jahres verbreitete, klingen nach einem digitalen Befreiungsschlag. Durch den Wechsel auf das „Opt-out“-Modell im Januar 2025 stieg die Zahl der geführten Akten sprunghaft an. Doch wer diese rein administrative Metrik mit echtem Digitalisierungsfortschritt verwechselt, erliegt einem statistischen Blendwerk.
Ein Blick in das TI-Dashboard der Gematik offenbart die Diskrepanz zwischen Existenz und Relevanz. Zwar verfügen nun rund 70 Millionen gesetzlich Versicherte über eine angelegte ePA, doch die Akte bleibt in der Praxis oft eine „leere Hülle“. Das BMG erklärte im Februar 2026, dass derzeit lediglich rund 4 Millionen Versicherte ihre ePA aktiv nutzen. Das Ziel, diese Zahl bis 2030 auf 20 Millionen zu steigern, wirkt angesichts des aktuellen Tempos eher wie ein Pfeifen im dunklen Wald der Bürokratie als wie eine valide Strategie. Wir haben es hier – in unseren Augen – mit einem „Zombie-Akten“-Phänomen zu tun: Viel formale Verfügbarkeit bei marginaler aktiver Nutzung.
Die Hürden der Praxis: PDF-Sammlung statt Datenfluss
Die Kritik an der Praxistauglichkeit kommt inzwischen aus dem Herzen der Ärzteschaft. Markus Beier, Bundesvorsitzender des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes, brachte es kürzlich auf den Punkt: Die ePA sei derzeit vor allem eine „unsortierte PDF-Sammlung“. Anstatt strukturierter Daten, die Ärzte bei der Entscheidungsfindung unterstützen, dominiert das digitale Abheften unstrukturierter Dokumente.
Ein Bericht des Verbraucherzentrale Bundesverbands vom Februar 2026 untermauert dies: 71 Prozent derjenigen, denen ihre ePA bekannt ist, verwalten diese nicht aktiv. Die Gründe sind verheerend: Ein „absurd komplizierter Registrierungsprozess“ und das Fehlen echter Mehrwert-Funktionen. Wer gehofft hatte, dass eine KI-gestützte Volltextsuche Licht ins Dunkel bringt, wird vertröstet: Diese ist nach aktuellem Stand erst für Ende 2026 angekündigt.
Das Sicherheits-Paradoxon: Wenn Komplexität zum Risiko wird
Erinnern wir uns an die Sicherheitsdebatte. Unsere Warnungen wurden 2025 als „unterkomplex“ abgetan. Dabei zeigten die Fakten ein anderes Bild: Bereits Ende 2024 legte der Chaos Computer Club (CCC) erhebliche Schwachstellen offen. Unmittelbar nach dem bundesweiten Rollout im April 2025 musste die Gematik eine weitere kritische Sicherheitslücke per Sofortmaßnahme schließen.
Diese Vorfälle stützen aus unserer Sicht den Befund, dass die historisch gewachsene und komplexe Architektur die Fehleranfälligkeit eher erhöht als mindert. Wahre Sicherheit entsteht durch Klarheit („Secure by Design“), nicht durch das Anhäufen von Zugriffshürden. Das viel zitierte „Registrierungs-Dilemma“ wirkt in unseren Augen weniger wie eine notwendige Härte, sondern vielmehr wie das Resultat eines Sicherheitsdesigns, das den Menschen fälschlicherweise als Störfaktor begreift.
Der Sanktionsdruck: Digitalisierung unter Zwang
Seit Oktober 2025 sind Praxen und Krankenhäuser zur Nutzung der ePA verpflichtet. Seit Januar 2026 drohen bei Nichtnutzung Honorarkürzungen und empfindliche Abzüge bei der
TI-Pauschale. Doch Digitalisierung lässt sich nicht herbeipeitschen. Wenn Ärzte die ePA zunehmend nutzen müssen, um Sanktionen zu vermeiden, und Patienten sie ignorieren, weil der Zugang
einer digitalen Mutprobe gleicht, dann ist das ein Sieg der administrativen Pflicht über die technologische Vernunft.
Die versprochene Interoperabilität durch Medizinische Informationsobjekte (MIOs) bleibt ein Versprechen auf Raten. Während der elektronische Medikationsplan (eMP) als erstes echtes MIO erst im Laufe dieses Jahres flächendeckend wirksam werden soll, verharrt das System in der Zwischenzeit im Status eines digitalen Archivs.
Fazit: Wahre Expertise macht es einfach
Ein Jahr nach der großen Weichenstellung zeigt sich: Die IT-Entwickler hatten recht – das System ist unfassbar kompliziert. Doch sie irrten in ihrer Schlussfolgerung. Denn Komplexität ist keine Entschuldigung, sondern das Problem selbst. Wahre Expertise zeigt sich nicht darin, wie viele Millionen Akten man automatisiert anlegen kann, sondern wie einfach man den Zugang zu lebensrettenden Informationen gestaltet.
Die ePA braucht keine weiteren Pflichten und keine weiteren leeren Container. Sie braucht einen radikalen Fokus auf die Nutzerzentrierung. Solange die ePA für den Patienten eine Belastung und für den Arzt eine „PDF-Sammlung“ bleibt, bleibt die digitale Revolution in Deutschland das, was wir schon 2025 befürchteten: Eine Digitalisierung ohne Digitalisierung.
Über den Autor
Sebastian Büttner ist Co-Gründer von Quantum Beyond, einem europäischen Beschleunigungs- und Finanzierungsprogramm für die Förderung von Innovation und der Digitalisierung von Unternehmen.
