Wer die aktuelle öffentliche Debatte über Einwanderung in Deutschland verfolgt, bekommt schnell einen sehr einseitigen Eindruck. Die Diskussion pendelt meist zwischen zwei Extremen: den
unbestreitbaren Herausforderungen der ungesteuerten Migration auf der einen Seite und dem verzweifelten Ruf etablierter Industrien nach Fachkräften auf der anderen. Doch als Gründer von Quantum
Beyond, wo wir täglich tief in der Strukturierung und Finanzierung von Innovationsprojekten stecken, erlebe ich eine ganz andere, völlig unterrepräsentierte Dimension der Einwanderung. Ich nenne
sie den "Innovation-Layer".
Von Sebastian Büttner
Deutschlands neue "Imipreneure"
Jede Woche sitze ich mit Menschen am Tisch, die eine bewusste Entscheidung getroffen haben. Sie sind nach Deutschland gekommen – oft zunächst für einen Master-Abschluss an einer unserer Spitzen-Unis –, um von hier aus ein neues Tech-Business zu starten. Sie kommen nicht, um in bestehende Systeme integriert zu werden. Sie kommen, um neue zu bauen. Natürlich bin ich mir meiner eigenen Filter-Bubble bewusst; mein Alltag besteht primär aus dem Austausch mit Entrepreneuren und Tech-Spezialisten. Doch die Daten zeigen klar, dass dieses Phänomen weit über meine Bubble hinausgeht. Es wird Zeit, dass wir über "Imi-Preneure" sprechen.
Warum ausgerechnet Deutschland?
Man mag sich fragen: Warum Deutschland, wenn man auch ins Silicon Valley oder nach London gehen könnte? Die Antwort, die ich immer wieder höre, ist pragmatisch: Rechtssicherheit und Marktzugang. Für viele ausländische Tech-Talente ist Deutschland eine verlässliche Startrampe mitten im Zentrum des stärksten europäischen Wirtschaftsraums. Hier gibt es verlässliche Patentrechte, stabile Institutionen und einen gigantischen B2B-Markt direkt vor der Haustür.
Das spiegelt sich auch in der Statistik wider. Der Migrant Founders Monitor des Startup-Verbands liefert dazu klare Fakten:
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Ein Drittel der "First Generation Migrant Founders" kam ursprünglich für ein Studium nach Deutschland.
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14 Prozent aller Startup-Gründer:innen hierzulande sind im Ausland geboren.
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Exzellente Ausbildung: 91 Prozent dieser Imi-Preneure haben einen Hochschulabschluss – davon beachtliche 56 Prozent im MINT-Bereich (im Vergleich zu 47 Prozent beim Durchschnitt aller Gründer).
Der blinde Fleck beim Bruttoinlandsprodukt
Wir unterschätzen massiv, was ausländische Fachkräfte und Gründer bereits heute zu unserem Wohlstand beitragen. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hat vorgerechnet, dass ausländische
Beschäftigte in Deutschland eine Wertschöpfung von unfassbaren 706 Milliarden Euro für das Bruttoinlandsprodukt (BIP) erwirtschaften.
Und wenn wir auf die Spitze der Innovation schauen – die Startups mit Milliardenbewertung (Unicorns) –, wird der Impact der Imi-Preneure noch deutlicher: Rund 23 Prozent der Unicorn-Gründer:innen in Deutschland sind im Ausland geboren. Sie sind nicht nur Teil der Wirtschaft; sie sind der Motor, der sie in die Zukunft zieht.
Die Hürden: "Lost in Translation" und verschlossene Netzwerke
Trotz dieses enormen Potenzials stoßen Imi-Preneure auf spezifische Barrieren, die wir dringend abbauen müssen. In meinen Gesprächen kristallisieren sich vor allem zwei große Bottlenecks heraus:
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Die Sprach- und Bürokratiefalle: Die meisten Imi-Preneure brillieren in ihrer Native Language und sprechen perfektes Business-Englisch. Doch sobald es an Fördermittelanträge, das Handelsregister oder den Kontakt mit lokalen Banken geht, prallen sie gegen eine Wand aus Amtsdeutsch. Rund 42 Prozent der ausländischen Gründer fühlen sich bei Ämtern und Behörden benachteiligt.
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Fehlender Zugang zu lokalen Netzwerken: Es fehlt oft an den organisch gewachsenen, lokalen Netzwerken – den sprichwörtlichen "Old Boys Clubs" oder Alumni-Kreisen. Nur 46 Prozent der ausländischen Gründer bewerten ihr Netzwerk in Deutschland als "gut". Ihnen fehlen oft die Türöffner und Partner in etablierten Unternehmen oder VC-Fonds, die ihr Talent erkennen und den ersten Vertrauensvorschuss geben.
Die geheime Superkraft: Globales Nearshoring als Antwort auf den Entwickler-Mangel
Dabei bringen Imi-Preneure einen massiven strategischen Vorteil mit, der oft übersehen oder sogar politisch missverstanden wird. Kritiker könnten behaupten, ausländische Gründer würden
Arbeitsplätze ins Ausland verlagern. Die wirtschaftliche Realität zeigt jedoch genau das Gegenteil: Sie lösen unser größtes Wachstums-Bottleneck.
Während deutsche Start-ups auf dem leergefegten Arbeitsmarkt oft händeringend und erfolglos nach IT-Spezialisten suchen, haben Imi-Preneure extrem starke und belastbare Netzwerke in ihren
Heimatländern. Sie nutzen diese Brücken intuitiv für hocheffizientes Nearshoring und Outsourcing. Das bedeutet nicht, dass sie deutsche Jobs verdrängen – es gibt diese Entwickler hier schlichtweg
nicht in ausreichender Zahl.
Vielmehr bauen sie die strategische Geschäftsentwicklung, das intellektuelle Eigentum (IP) und den Firmensitz hier in Deutschland auf der rechtssicheren Startrampe auf, während sie die technologische Entwicklung in ihren Herkunftsländern skalieren. Das Ergebnis? Das Unternehmen kann rasant wachsen. Und genau durch dieses Wachstum entstehen am deutschen Hauptsitz neue, hoch qualifizierte Arbeitsplätze in Bereichen wie Sales, Marketing, Management und Operations, die es ohne den mutigen Start des Imi-Preneurs niemals gegeben hätte. Es ist ein Hebel für Entwicklungsgeschwindigkeit, den rein lokale Teams im aktuellen Fachkräftemangel kaum noch kopieren können.
Der Hebel für den Mittelstand: Welche Chancen sich für deutsche Unternehmen eröffnen
Wenn wir es schaffen, die Hürden für diese Gründer abzubauen und sie besser zu integrieren, entsteht eine massive Win-Win-Situation. Etablierte deutsche Corporates und insbesondere der klassische Mittelstand tun sich oft schwer mit disruptiver Innovation und dem Zugang zu internationalen Tech-Talenten. Genau hier liegt die enorme Chance, wenn sie anfangen, mit Imi-Preneuren auf Augenhöhe zu kooperieren:
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Agilität als Dienstleistung: Statt jahrelang intern an schwerfälligen Digitalisierungsstrategien zu feilen, können etablierte Unternehmen über Pilotprojekte (Proof of Concepts) mit Imi-Preneuren sofort auf modernste Technologien zugreifen. Diese Startups agieren praktisch als ausgelagerte, extrem schnelle F&E-Abteilung.
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Indirekter Zugang zum globalen Talentpool: Über strategische Partnerschaften mit Imi-Preneuren und deren Nearshoring-Netzwerke profitieren deutsche Firmen plötzlich indirekt von genau den internationalen Entwickler-Ressourcen, die sie selbst auf dem hart umkämpften Arbeitsmarkt niemals rekrutieren könnten.
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Internationale Brückenköpfe: Imi-Preneure bringen ein tiefes, natives Verständnis für ihre jeweiligen Heimatmärkte mit. Wenn ein deutsches Unternehmen in der Zukunft global expandieren möchte, können genau diese Gründer und ihre Netzwerke als wertvolle, vertrauensvolle Türöffner in neue Wirtschaftsräume fungieren.
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Kulturwandel durch Osmose: Nichts bricht festgefahrene Strukturen effektiver auf als die enge Zusammenarbeit mit hochmotivierten, internationalen Startup-Teams. Der direkte Kontakt mit diesem "Innovation-Layer" injiziert einen dringend benötigten Startup-Drive in traditionelle Firmen.
Fazit: Chancen nutzen, Hürden beseitigen
Wir müssen aufhören, Einwanderung primär als Belastung oder als reines Pflaster für den Fachkräftemangel in der traditionellen Industrie zu betrachten. Der "Innovation-Layer" der Imi-Preneure ist
vielleicht unsere größte Chance, die technologische Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands in den nächsten Jahrzehnten zu sichern.
Dabei geht es keineswegs darum, dass wir lernen müssen, ihre Sprache zu sprechen. Im Gegenteil: Wir müssen diese Talente viel schneller und effektiver in unsere Systeme integrieren. Das bedeutet
ganz pragmatisch, ihnen einfache, zugängliche und unbürokratische Möglichkeiten zu bieten, schnell Deutsch zu lernen, um die Barrieren im Alltag und in der Verwaltung rasch abzubauen.
Gleichzeitig öffnet sich für Deutschland und Europa gerade ein historisches Zeitfenster, das wir vehement nutzen sollten. Während traditionelle Gründerländer wie die USA derzeit an Strahlkraft verlieren, weil sie kaum noch echte Rechtssicherheit bieten und eine extrem restriktive Immigrationspolitik fahren, können wir uns als stabiler, sicherer Gegenpol positionieren. Wenn wir anfangen, die Erfolgsbeispiele der Imi-Preneure, die hier bereits erfolgreich aufbauen, lautstark als Leuchttürme zu nutzen, können wir eine neue Welle globaler Tech-Pioniere anlocken. Die Chance ist da – wir müssen sie nur ergreifen.
Über den Autor:
Sebastian Büttner ist Unternehmensberater für Digitalisierung und Innovation sowie einer der beiden Gründer von Quantum Beyond. Quantum Beyond unterstützt Unternehmen bei der Finanzierung von Innovationsprojekten.
